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Felix Mendelssohn Bartholdy –
Violinkonzert e-moll op. 64,
im Fokus des Klassik-Prisma von Bernd Stremmel

Bild und Text Sven Fandrich

Das Violinkonzert e-Moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy gehört zu den meistgespielten Werken seiner Gattung. Es entstand über einen vergleichsweise langen Zeitraum zwischen 1838 und 1844 und wurde mehrfach überarbeitet, bevor es am 13. März 1845 in Leipzig uraufgeführt wurde.
Als besonders wegweisend empfinde ich bis heute einige seiner Neuerungen: allen voran der unmittelbare Einsatz der Solovioline, der mich jedes Mal aufs Neue begeistert – ganz entgegen der klassischen Orchestereinleitung. Auch die fließenden Übergänge zwischen den Sätzen tragen zu diesem besonderen Eindruck bei.
In einer weit zurückliegenden persönlichen Krise hat mich die Einspielung mit Ulf Hölscher und der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Marek Janowski beinahe täglich aus tiefen emotionalen Abgründen getragen. (nicht in der Aufstellung vom Klassik-Prisma enthalten)
Ein Hoch auf die Kraft der Musik – doch entfaltet sie sich nur dort, wo man bereit ist, sich ihr wirklich zu öffnen.

 

Seit jener Zeit verbindet mich ein starkes Band mit diesem Werk. Über die Jahre habe ich mir zahlreiche Einspielungen unterschiedlichster Violinisten zugelegt – es hat sich einiges angesammelt.
Inzwischen existieren mehr als 20 unterschiedliche Veröffentlichungen – häufig gekoppelt mit anderen großen Violinkonzerten.
Auf der Suche nach weiterführenden Informationen zu diesem Werk stieß ich auf die Website „Klassik-Prisma“ von Bernd Stremmel (www.klassik-prisma.de). Die schiere Fülle an Informationen zu meinem geliebten Mendelssohn-Konzert überwältigte mich. Also durchforstete ich seine Werkezusammenstellung – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – auf der Suche nach einer interpretatorischen Einordnung meiner Vinyl-Ausgaben.
Stremmel versteht seine Seite als Orientierungshilfe: Er bietet einen Überblick über die ihm vorliegenden Aufnahmen, ohne zwischen CD und Vinyl zu unterscheiden, und lädt Hörer dazu ein, sich intensiver mit unterschiedlichen Interpretationen auseinanderzusetzen. Eine Bewertung von Aufnahme- oder Klangqualität nimmt er dabei bewusst nicht vor. Stattdessen legt er den Fokus ganz auf die Interpretation und bewertet diese detailliert aus seiner Perspektive.
Sein Bewertungssystem reicht von Kategorie 5 („außergewöhnlich gut“) bis Kategorie 1 („völlig indiskutabel“). Zwischen 5 und 4 („gute Aufnahme, guter Durchschnitt“) siedelt er zudem die Kategorie 4–5 an – für Interpretationen, die außergewöhnlich sind, denen aber „das gewisse Etwas“ fehlt.
Da sich in meiner Sammlung lediglich eine Aufnahme aus Kategorie 5

befindet – Itzhak Perlman mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam

unter Bernard Haitink (EMI) – konzentriere ich mich hier auf

Einspielungen der Kategorie 4–5.
Stremmels interpretatorische Bewertungen kann ich in vielen Fällen

gut nachvollziehen. Ein Beispiel: die Aufnahme der jungen A

nne-Sophie Mutter mit den Berliner Philharmonikern unter

Herbert von Karajan. Die damals erst 17-jährige Geigerin lässt für

mein Empfinden jegliche musikalische Leidenschaft vermissen –

vielleicht ihre schwächste Einspielung überhaupt. Stremmel bewertet

sie folgerichtig mit 3–4 („mangelnde Inspiration oder eine gewisse

Gleichgültigkeit“).
Ein anderer Punkt wird beim Vergleich der Veröffentlichungen im

zeitlichen Kontext deutlich: Klanglich können Aufnahmen vor 1970 mit späteren Produktionen kaum mithalten.
Bleibt also der Blick auf empfehlenswerte Einspielungen aus verschiedenen Epochen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Für die 1970er-Jahre halte ich die Aufnahme von Nathan Milstein mit den Wiener

Philharmonikern unter Claudio Abbado (1972, DG) sowohl interpretatorisch als auch klanglich für gelungen – wenn auch nicht durchgehend begeisternd. Auf einem ähnlichen Niveau bewegt sich für mich Arthur Grumiaux mit dem New Philharmonia Orchestra unter Jan Krenz (ebenfalls 1972, Philips).
Dann folgt für mich die emotionalste Einspielung: Ulf Hoelscher mit der Staatskapelle Dresden unter Marek Janowski – nicht zuletzt aufgrund meines persönlichen Bezugs. Ich besitze diese Einspielung gleich in drei Ausgaben: zwei ETERNA-Veröffentlichungen, das Original „Black Label“ von 1979 sowie die Nachpressung mit blauem Label von 1980, außerdem die EMI-Veröffentlichung von 1979. Die Aufnahme entstand 1978 in der Dresdner Lukaskirche in Kooperation zwischen ETERNA und EMI Limited, London.

 

 

 

 

 

Zu meinen klanglichen und musikalischen Favoriten zählen darüber hinaus zwei Einspielungen, die in jeder Hinsicht herausragen: Shlomo Mintz, damals erst 24 Jahre alt, mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Claudio Abbado (1981, DG) sowie Viktoria Mullova mit der Academy of St Martin in the Fields unter Sir Neville Marriner (1991, Philips; hier in der Analogphonic-Ausgabe von 2019).
Mintz spielt mit jugendlicher Unbekümmertheit und atemberaubender Rasanz was sofort elektrisiert und immer wieder begeistert. An manchen Stellen vermisse ich zwar etwas an musikalischer Tiefe, doch Abbado sorgt für ein außergewöhnlich präzises Zusammenspiel zwischen Solist und Orchester. Diese Balance trägt die gesamte Aufnahme und verbindet sich mit einem exzellenten Klangbild zu einer Interpretation, die auf ganzer Linie überzeugt.
Mullova geht einen anderen Weg: Sie nimmt das Tempo etwas zurück und setzt auf technische Präzision sowie einen klar fokussierten Ton. Ihre Interpretation verzichtet bewusst auf übermäßige Romantisierung und findet stattdessen eine feinsinnige Balance zwischen Virtuosität und Werk. Obwohl es sich eindeutig um eine digitale Aufnahme handelt, entfalten Marriner und die Academy of St Martin in the Fields eine transparente und sensibel Orchesterbegleitung, die Mullovas Spiel ideal trägt. Das Ergebnis ist eine rundum überzeugende Produktion auf klanglichen überragenedem Niveau.
Die Einspielung von Itzhak Perlman mit dem Orchestre du Concertgebouw Amsterdam unter Bernard Haitink (1984, EMI-Digital) entstand als frühe Digitalproduktion – ebenso wie die bereits erwähnte Aufnahme von Anne-Sophie Mutter. Interpretatorisch begegnet Perlman den Einspielungen von Mintz und Mullova auf Augenhöhe. Klanglich jedoch hinterlässt die damals noch junge Digitaltechnik einen deutlich hörbaren Fingerabdruck. Der LP fehlt es nach meinem Empfinden an Geschmeidigkeit; stattdessen wirkt der Klang stellenweise kantig und weniger organisch.

Ein paar kurze Eindrücke zu Veröffentlichungen der sogenannten Jahrhundertgeiger Jascha Heifetz, Yehudi Menuhin und Isaac Stern:
Von David Oistrach liegt mir leider keine Einspielung des Mendelssohn-Violinkonzerts vor. Die vorhandenen Aufnahmen stammen allesamt aus der frühen Stereozeit: Stern aus dem Jahr 1950, Menuhin aus 1958 und Heifetz aus 1959. Wie bereits angedeutet, übertreffen diese Einspielungen weder interpretatorisch noch klanglich das Niveau späterer Aufnahmen ab den 1970er-Jahren. Ihren historischen Wert behalten sie jedoch unbestritten. Bei allen drei Aufnahmen empfinde ich den Klang der Solovioline etwas gepresst, rau und anstrengend.
Gerade die Heifetz-Aufnahmen der „Living Stereo“-Reihe erscheinen mir bisweilen etwas verklärt – nicht zuletzt wegen des legendären Rufs dieser RCA-Serie. Unbestreitbar bleiben allerdings die besonderen Töne, die Heifetz wie auch Menzhin und Stern ihren Violinen entlocken – ein Klang, der bis heute fesselt. Im direkten Vergleich mit hochwertigen neueren Produktionen ziehe ich jedoch die Möglichkeiten moderner Aufnahmetechnik vor. Letztlich bleibt das natürlich eine Frage des persönlichen Geschmacks.

 

In diesem Sinne: viel Inspiration auf www.klassik-prisma.de.

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